Specialreport Ines Papert

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Eine Welt aus Eis und Fels Ines Papert - Weltmeisterin im Eisklettern - unterwegs in einer Männerdomäne
Ein Bericht von Sabine Langer

Schon immer haben die hohen Berge den Menschen angezogen. Es ist die Herausforderung des Unbezwingbaren und des Ortes, an dem nie zuvor ein Mensch gewesen ist. Es ist die Faszination der rauen Natur. Um sich hier hinein vorzuwagen, muß man stark sein; körperlich und nicht zuletzt auch psychisch. Schließlich kann der kleinste Fehltritt, eine unvorsehbare Lawine, ein Wetterumsturz bereits den Tod am Berg kosten. Es ist unwirtlich und kalt. Die Hände werden eiskalt und gefühllos - doch sie sind das wichtigste Werkzeug beim Klettern.

Der Wind pfeift; und oberhalb 3000 Meter wird der Luftsauerstoff merklich weniger. Und da gibt es Menschen, die sich trotz oder gar wegen all dieser Unwirtlichkeit aufmachen und die Natur und sich selbst bezwingen wollen. Und es sind keine Draufgänger, keine Idioten, keine Todesmutigen. Es sind Menschen wie du und ich. Und bereits seit den Zeiten von Korsett und Ballrock, um 1800 - auch Frauen.

Ines Papert ist eine davon. Ohne Korsett und Reifrock, dafür aber mit um so mehr Equipment, Goretex und neuster Steigetechnik wagt Sie sich hinein in die Männerdomäne. Und ins Eis. Ines Papert ist viermalige Weltmeisterin im Eisklettern.

Wer ist Ines Papert?
Es ist eiskalt. Man sieht den Dampf des Atems, es ist zugig und der Untergrund glatt wie Eis. Es ist Eis und es ist das Zuhause der viermaligen Weltmeisterin im Eisklettern, Ines Papert. Es ist ein harter Sport - eine Leidenschaft. Und eigentlich eine Männerdomäne. Bis Papert kam. Erst vor Kurzem schaffte sie es als erste Frau den Flying Circus zu durchsteigen. Diese Route zählt zu den schwierigsten "Mixed"- Routen der Welt.

Geboren wurde die Ausnahmekletterin 1974 in Wittenberg und wächst in Bad Düben bei Leipzig auf; zunächst ganz ohne das Klettern. Die Begeisterung, Berge zu erklimmen kommt eher nebenher, nach einem Umzug nach Berchtesgaden 1993. Dorthin hat es die damals 19-Jährige aus beruflichen Gründen verschlagen. Sie hat eine Stelle als Krankengymnastin in einer Berchtesgadener Klinik erhalten.

In ihrer Freizeit fährt sie Mountainbike und wandert. Dem Klettern begegnet sie eher zufällig durch ihren damaligen Lebensgefährten. Das Klettervirus erfasst sie und die Routen werden immer schwerer. Das Eis kommt dazu - und wird zu ihrer Spezialität.

Als Frau ist sie die Exotin auf den eisigen Routen. Eisklettern ist eine absolut männerdominierte Sportart und gerade hier zeigt sie es allen. Mehrfach gewinnt sie den Gesamt-Weltcup bei den Frauen und wird viermal Weltmeisterin. Oft besiegt sie nicht nur die weibliche, sondern auch die gesamte männliche Konkurrenz.

Doch nicht nur im Eis ist Ines erfolgreich. Auch beim alpinen Felsklettern und Bergsteigen zählt sie zu den besten Frauen, meistert Höchstschwierigkeiten. 2006 kehrt sie dem Weltcup-Zirkus den Rücken - es reicht. Sie hat genug von Pokalen und Wettkämpfen; sie will das Eis und auf ihre Art bezwingen. Und Genießen.

Denn für sie hat das Eis eine große Faszination. "Das Schöne am Eis ist, dass ich meine Linie frei wählen kann, denn anders als im Fels ist die Route nicht vorgegeben." An Pickeln hängend und mit ihm hangelnd, zwischen Eissäulen senkrecht nach oben - das ist Paperts Welt. Angst kennt sie scheinbar nicht, doch das täuscht: "Ich kenne natürlich Angst und Respekt, vor allem Respekt vor der Natur. Das ist auch ganz wichtig, weil uns das am Leben hält."

"Wer schwierige Gipfel bezwingt", so sagt sie, erlebt unglaubliche Glücksmomente und bekommt ein entspannteres Verhältnis zu Alltagsproblemen. "Ich könnte mir ein anderes Leben nicht mehr vorstellen."

Erfolge der Ines Papert
1997 Besteigung des Aconcagua
1998 Peruexpedition mit den Besteigungen von Nevado Alpamayo, Nevado Artesonraju und Torre del Paron.
1999 Yosemite El Capitan; Die Route The Nose
2001 erste Felskletterroute im französischen achten Grad
2002 verschiedenste (Eis-)kletterrouten
2003 Eiger-Nordwand , erste Rotpunktbegehung der Route Symphonie de Liberte´ (damals die schwerste Route in der Wand) und Eiskletterrouten (Mixed) bis zum Grad M 11
2004 erste Felskletterroute im französischen Grad 8b Schattenkönig in den Berchtesgadener Alpen
2005 Mach 3 (M9+, Rotpunkt) und Crack Baby (WI6). Schwere Mixed Routen in der Schweiz. 2006 Rotpunktbegehung der Route Pellisier (im französischen Grad 8b) in der Nordwand der Grossen Zinne.
2007 erste Wiederholung der bis dato wohl schwersten Mixed-Route der Welt Law and Order (M 13)
2008 Ines Papert gelang 10 Jahre nach der Erstbegehung durch Robert Jasper die Wiederholung von »The Flying Circus« (M 10). Die Route gehört zu den schwierigsten Mixed Klettertouren im alpinen Bereich.

Interview

Anläßlich ihres Besuchs des Bergsichten - Festivals: ein Gespräch mit Weltmeisterin im Eisklettern Ines Papert

Bergsichten: Herzlich willkommen in Dresden. Sie kommen gerade aus Berchtesgaden. Haben Sie dort ein neues Projekt?

Ines Papert: Ich komme gerade vom Untersberg in Berchtesgaden, einer neuen Alpinroute, die ich letzten Herbst eröffnen konnte und diesen Herbst den freien Durchstieg versuche. Das Projekt fordert im Moment all meine Energie, nach dem langen Zustieg mich auch noch in den oberen Graden an kleinsten Leisten festzuhalten für zahlreiche Seillängen. Habe mich schon oft gefragt, warum ich nicht den leichteren Weg geklettert bin, als wir die Erstbegehung machten. Nun habe ich dafür zu büßen - nein, im ernst ich freue mich über jeden Tag, den ich da oben verbringen kann und es macht unglaublich Spaß. Aber es zehrt auch und braucht viel Energie. Die Hoffnung, das ich es vor dem Winter noch schaffe gebe ich nicht auf.

Bergsichten: Sie sind unglaublich erfolgreich. Selbst als Eiskletterin klettern Sie den anderen am Fels davon. Konnten Sie die Erfahrungen, die Sie im Eis gesammelt hatten so gut im Fels einsetzen? Ist beides Klettern ähnlich? Trainieren sie so hart oder wie erklären sie sich diesen großen Erfolg?

Ines Papert: Ich denke, mir gelingen auch die schweren alpinen Routen im Fels auch, weil ich mit der Höhe und der Kälte (manchmal auch im Sommern, besonders in den Nordwänden) keine großen Probleme habe. Es gefällt mir, mich einer harten (und manchmal auch schmerzhaften ) Aufgabe zu stellen und sie dann zu meistern. Aber das Eis ist und bleibt trotzdem meine große Leidenschaft. Da fühle ich mich einfach wohl. Das Training im Sommer beschränkt sich aufs Klettern draußen, wobei ich für den Winter schon auch Klimmzüge und Indoor Drytooling sehr intensiv und regelmäßig trainiere. Aber es macht mir Spaß, zu spüren wie die Kraft wächst und dadurch gleichzeitig die Angst positiv beeinflusst. Es gibt mir ein Gefühl von Sicherheit.

Bergsichten: Training, Expeditionen, Wettbewerbe, Vorträge. Haben Sie noch Zeit für Privatleben und vor allem für ihren Sohn?

Ines Papert: Ja, ich nehme mir viel Zeit für den Emanuel. Wir verbringen jedes Wochenende im Gebirge, auf einer Bergtour mit dem Mountainbike, einer leichten Klettertour oder Skitour. Er hat große Freude daran, ohne Leistungsgedanken oder Erwartungsdruck. Während der Woche geht er zur Schule und ich begleite ihn bei seinen Aufgaben soweit es geht. Aber er akzeptiert auch, wenn ich wieder mal für mich selber in die Berge "muß", denn danach ist die Mama glücklich. Ich habe den großen Vorteil, dass ich neben dem Klettern (und den damit verbundenen Verpflichtungen) keiner geregelten Arbeit nachgehen muss. Somit bleibt auch viel Zeit für den Manu.

Bergsichten: Sie als Frau. Wieso denken sie, sind es so wenig Frauen, die sich an die Extrembedingungen des Eiskletterns, Bergsteigen, Klettern im Allgemeinen wagen?

Ines Papert: Eigentlich schade, das es so ist. Ich selber sehe es als meine Aufgabe, die Frauen wachzurütteln…"Hey ihr seid mindestens so gut wie eure Männer. Ihr müsst es euch nur zutrauen." Meine Botschaft in den Vorträgen ist, dass es unabhängig vom Schwierigkeitsgrad für jeden Menschen wichtig ist, seinen Vorlieben - seinen Träumen nachzugehen (nicht nachzuweinen). Wer sich nicht wehrt, endet am Herd. Und wenn ich etwas möchte, kann ich es auch Realisieren. So viel Dickschädel hat doch jeder, und das führt zu dem was uns glücklich macht. Ich habe einen ziemlichen Dickschädel, aber einen glücklichen…

Bergsichten: Wie kamen Sie zum Klettern? Ich habe gehört, Sie haben damit erst sehr spät angefangen?

Ines Papert: Schon spät, aber das ist nun auch schon eine Weile her (lacht). Mit 19 begann ich in die Berge zu gehen, die Routen wurden immer anspruchsvoller und irgendwann ging es nicht mehr ohne Steigeisen. Das war so gegen 1998. da bin ich dann auch ziemlich ins Geschehen eingestiegen und gleichzeitig aus der geregelten Arbeit ausgestiegen mit der Idee, zu trainieren und Erfahrung zu sammeln, um Bergführerin zu werden. Daraus wurde aber letztendlich nichts - die Geburt vom Emanuel in 2000 hat meine Prioritäten verlagert. Jetzt lebe ich als "Profi" und halte mir diese Option noch immer offen.

Bergsichten: Was ist jetzt noch eine Herausforderung für Sie - klettertechnisch? Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?

Ines Papert: Da gibt es viele Ideen. Die zeitnaheste ist eine Expedition nach Nepal im Winter…die Besteigung eines über 6000m hohen Gipfels über eine steile Nordwand. Wir haben da eine Eislinie entdeckt. Meine Partner werden zwei Freundinnen aus Canada sein, Jen Olson und Audrey Gariepy. Ich freue mich riesig, diese für mich neue Dimension zu versuchen. Nächsten Sommer möchte ich mit Emanuel nach Canada in die Bugaboos. Dort gibt es leichtere (für ihn)und auch sehr schwierige Routen (die die Mama probieren wird) im Granit. Ich habe da sehr viele Freunde, die ich unbedingt wieder sehen möchte.

Bergsichten: Sie waren bereits bei den ersten Bergsichten dabei? Was gefällt Ihnen hier besonders?

Ines Papert: Sachsen ist und bleibt mein Ursprung, da fühle ich mich wohl. Der Singsang der Sprache und die Gemütlichkeit. Und meine Familie wird kommen, darauf freue ich mich besonders. Außerdem ist es ein großer und wichtiger Szenetreffpunkt, auch das Team von BIWAK hat sich angekündigt, mit ihnen hatte ich schon viele tolle Drehtage in der Vertikalen.

Bergsichten: Dresden-Elbsandstein. Sie sind in Sachsen geboren. Haben Sie die Sächsische Schweiz früher zum Klettern genutzt? Und heute? Waren Sie schon mal Boofen?

Ines Papert: Beides nein, leider. Ich habe in den Alpen mit dem Klettern begonnen und werde die Bergsichten nutzen, um anschließend mit den Locals klettern zu gehen. Ich hoffe ich komme ohne Mentaltraining aus (lacht). Die Geschichten sind ja haarsträubend. Aber ich freue mich auf jede neue Herausforderung. Und Boofen ist doch verboten, oder?? Und gerade deshalb würde ich es tun. Nach meinem Vortrag mit ein paar Freunden und einer Flasche Wein?

Bergsichten: Wir wünschen ein schönes Festival und Toi Toi Toi für die Zukunft. Vielen Dank für das Interview.

Das Gespräch für Bergsichten führte Sabine Langer.

Zum Live Special mit Ines Papert bei den 5. Bergsichten